Copernicus and the Astrologers with Robert Westman
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Replik Prof. Westman
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Die kopernikanische Frage nach Robert S. Westman: Prognostikation, Skeptizismus und die Ordnung des Himmels
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The Copernican Question: Prognostication, Skepticism, and Celestial Order des Wissenschaftshistorikers Robert S. Westman zählt zu den bedeutendsten Werken der modernen Forschung über die Entstehung des heliozentrischen Weltbildes. Das 2011 erschienene Buch stellt eine grundlegende Neubewertung der sogenannten „kopernikanischen Revolution“ dar und hinterfragt zahlreiche traditionelle Erklärungen dafür, weshalb Nicolaus Copernicus im Jahr 1543 sein Werk De revolutionibus orbium coelestium veröffentlichte, in dem die Sonne und nicht mehr die Erde als Mittelpunkt des Planetensystems dargestellt wird. Während die klassische Geschichtsschreibung Copernicus häufig als einsamen wissenschaftlichen Revolutionär beschreibt, der aufgrund mathematischer Eleganz oder philosophischer Überzeugungen ein neues Weltbild entwickelte, verfolgt Westman einen deutlich umfassenderen Ansatz. Er fragt nicht in erster Linie danach, ob das heliozentrische Modell wissenschaftlich richtiger war als das geozentrische, sondern weshalb Copernicus überhaupt den Anstoß verspürte, das über Jahrhunderte etablierte kosmologische System infrage zu stellen. Diese Fragestellung bezeichnet Westman als die eigentliche „Copernican Question“.
Nach Westman lässt sich diese Frage nur beantworten, wenn man die wissenschaftliche, gesellschaftliche, religiöse und politische Welt des späten Mittelalters und der Renaissance als Ganzes betrachtet. Er argumentiert, dass Copernicus nicht isoliert arbeitete und auch nicht ausschließlich aus theoretischem Interesse handelte. Vielmehr sei seine Arbeit eng mit den praktischen Bedürfnissen seiner Zeit verbunden gewesen. Im Mittelpunkt dieser Bedürfnisse stand die Prognostikation, also die Vorhersage zukünftiger Ereignisse auf Grundlage astronomischer Berechnungen. Heute wird Astrologie häufig als Gegensatz zur Wissenschaft verstanden. Im Europa des 15. und frühen 16. Jahrhunderts war diese Trennung jedoch unbekannt. Astronomie und Astrologie bildeten zwei eng miteinander verbundene Bereiche derselben Gelehrsamkeit. Die Astronomie berechnete die Positionen der Himmelskörper, während die Astrologie diese Berechnungen nutzte, um Aussagen über Wetter, Gesundheit, Politik, Kriege, Ernten oder das Schicksal einzelner Menschen zu treffen. Ohne zuverlässige astronomische Daten konnte keine seriöse astrologische Prognose erstellt werden.
Westman macht deutlich, dass astrologische Vorhersagen keineswegs eine Randerscheinung oder bloßer Aberglaube waren. Sie gehörten vielmehr zum wissenschaftlichen Alltag europäischer Universitäten. Ärzte verwendeten astrologische Tabellen, um den günstigsten Zeitpunkt für Aderlässe oder Operationen zu bestimmen. Herrscher ließen Horoskope erstellen, bevor sie Kriege begannen, Verträge schlossen oder dynastische Ehen arrangierten. Kaufleute interessierten sich für Wetterprognosen, die auf Planetenkonstellationen beruhten. Auch kirchliche Kalender, insbesondere die Berechnung des Osterdatums, setzten exakte astronomische Kenntnisse voraus. Astronomie besaß daher einen unmittelbaren praktischen Nutzen und war weit mehr als eine theoretische Beschäftigung mit den Sternen.

Genau in diesem Bereich erkennt Westman eine tiefgreifende Krise. Das seit der Antike dominierende geozentrische Weltbild des Claudius Ptolemäus war zwar mathematisch außerordentlich leistungsfähig, wurde jedoch im Laufe der Jahrhunderte immer komplizierter. Um die tatsächlichen Bewegungen der Planeten zu erklären, mussten zahlreiche Hilfskonstruktionen eingeführt werden. Dazu gehörten Exzenter, Epizykel, Deferenten und insbesondere der sogenannte Äquant, der mit der aristotelischen Vorstellung gleichförmiger Kreisbewegungen nur schwer vereinbar war. Das ptolemäische Modell konnte zwar Beobachtungen annähernd reproduzieren, besaß jedoch keine überzeugende physikalische Erklärung und wirkte zunehmend künstlich. Viele Gelehrte empfanden diese Konstruktionen als unbefriedigend.
Hinzu kam, dass unterschiedliche astronomische Tafeln teilweise erheblich voneinander abwichen. In Europa existierten verschiedene Planetentabellen, etwa die Alfonsinischen Tafeln oder regionale Neuberechnungen, die nicht immer dieselben Ergebnisse lieferten. Für Astrologen und Kalenderrechner stellte dies ein ernstes Problem dar. Wenn zwei Astronomen für denselben Zeitpunkt unterschiedliche Planetenkonstellationen berechneten, mussten zwangsläufig auch die darauf beruhenden Vorhersagen voneinander abweichen. Dadurch geriet die Glaubwürdigkeit der gesamten Prognostik in Gefahr. Westman argumentiert, dass genau diese Unsicherheit ein entscheidender Antrieb für die Suche nach einem besseren astronomischen System gewesen sei.
Ein weiterer zentraler Begriff des Buches ist der Skeptizismus. Westman verwendet diesen Begriff jedoch nicht im modernen Sinn einer wissenschaftlichen Grundhaltung, sondern beschreibt damit eine historische Entwicklung des späten 15. Jahrhunderts. Immer mehr Gelehrte begannen daran zu zweifeln, ob astrologische Vorhersagen tatsächlich zuverlässig seien. Diese Zweifel entstanden nicht nur unter Theologen, sondern auch innerhalb der Gelehrtenwelt selbst. Humanisten kritisierten die Astrologie, weil sie den freien Willen des Menschen bedrohe oder auf mathematisch fragwürdigen Grundlagen beruhe. Besonders einflussreich war Giovanni Pico della Mirandola, dessen umfangreiche Schrift gegen die Astrologie viele ihrer theoretischen Voraussetzungen angriff. Nach Pico konnten astrologische Aussagen schon deshalb nicht zuverlässig sein, weil die astronomischen Grundlagen ungenau seien. Für Westman ist diese Kritik von zentraler Bedeutung, da sie den Druck auf die Astronomie erheblich erhöhte. Wollte man die Astrologie retten, musste zunächst die Astronomie reformiert werden.
Hier setzt nach Westmans Interpretation Copernicus an. Er entwickelte das heliozentrische Modell nicht deshalb, weil er die Erde aus philosophischen Gründen entthronen wollte, sondern weil er nach einer konsistenteren mathematischen Ordnung des Himmels suchte. Indem die Sonne in den Mittelpunkt gestellt wurde, ließen sich zahlreiche Erscheinungen einfacher erklären. Die rückläufigen Bewegungen der Planeten erschienen nun nicht mehr als komplizierte Schleifen, sondern ergaben sich aus der unterschiedlichen Bewegung der Erde und der anderen Planeten um die Sonne. Auch die Reihenfolge der Planeten, ihre Helligkeitsschwankungen sowie ihre Umlaufzeiten ließen sich systematischer verstehen. Für Copernicus war dies vor allem ein Gewinn an Ordnung und Berechenbarkeit.
Westman betont dabei ausdrücklich, dass Copernicus zunächst keineswegs alle Epizykel abschaffte. Sein System war mathematisch ebenfalls komplex und beruhte weiterhin auf Kreisbahnen. Dennoch besaß es eine neue innere Logik. Die Sonne bildete den natürlichen Bezugspunkt der Planetensystematik. Dadurch entstand ein harmonischeres Gesamtbild des Kosmos, das weniger willkürlich erschien als das ptolemäische System. Gerade diese neue Ordnung bezeichnet Westman als „Celestial Order“, also als himmlische Ordnung. Die Suche nach einer solchen Ordnung war im Denken der Renaissance eng mit philosophischen Vorstellungen von Harmonie, Symmetrie und göttlicher Schöpfung verbunden. Für viele Gelehrte spiegelte die mathematische Struktur des Universums die Weisheit Gottes wider. Ein geordnetes Weltbild war daher nicht nur wissenschaftlich, sondern auch religiös bedeutsam.
Westman zeigt außerdem, dass Copernicus keineswegs als isolierter Denker betrachtet werden darf. Seine Ausbildung an den Universitäten von Krakau, Bologna, Padua und Ferrara brachte ihn mit den wichtigsten mathematischen, medizinischen und astrologischen Traditionen seiner Zeit in Kontakt. Besonders die italienischen Universitäten waren Zentren intensiver astronomischer und astrologischer Forschung. Dort lernte Copernicus nicht nur mathematische Methoden kennen, sondern erlebte auch unmittelbar die Unsicherheit, die durch widersprüchliche Planetentafeln entstand. Seine spätere Tätigkeit als Domherr bedeutete ebenfalls nicht, dass er ausschließlich kirchliche Aufgaben erfüllte. Vielmehr beschäftigte er sich mit Verwaltungsaufgaben, Kalenderfragen, Medizin und astronomischen Berechnungen. Diese vielfältigen Tätigkeiten machten ihn mit den praktischen Problemen der Zeit vertraut.
A History of Medieval Astrology: The Importance of the Kraków School of Astrology (15th-16th centuries) (Knowledge Communities)

Ein weiterer wichtiger Aspekt des Buches betrifft die Rolle der Religion. In der populären Darstellung wird häufig behauptet, Copernicus habe sich bewusst gegen die Kirche gestellt. Westman weist jedoch darauf hin, dass diese Sichtweise historisch verkürzt ist. Als De revolutionibus 1543 erschien, wurde das Werk zunächst überwiegend als mathematische Hypothese verstanden. Viele Leser betrachteten es nicht als unmittelbaren Angriff auf die christliche Lehre. Erst mehrere Jahrzehnte später, insbesondere im Zusammenhang mit den Arbeiten von Galileo Galilei und den konfessionellen Spannungen der Reformationszeit, entwickelte sich daraus ein grundlegender Konflikt zwischen heliozentrischer Kosmologie und kirchlicher Autorität. Copernicus selbst veröffentlichte sein Werk erst kurz vor seinem Tod und suchte keine öffentliche Konfrontation.
Besondere Aufmerksamkeit widmet Westman den zahlreichen Gelehrten, die Copernicus beeinflussten oder mit ähnlichen Problemen beschäftigt waren. Dazu gehören Regiomontanus und Georg von Peuerbach, die das ptolemäische System kritisch überarbeiteten, ebenso wie Humanisten und Philosophen, die über die Grenzen astrologischer Erkenntnis diskutierten. Auch spätere Astronomen wie Tycho Brahe oder Johannes Kepler erscheinen bei Westman nicht lediglich als Nachfolger Copernicus‘, sondern als Teilnehmer einer langfristigen Entwicklung, die sich über mehrere Generationen erstreckte. Die sogenannte kopernikanische Revolution erscheint dadurch nicht mehr als plötzlicher Bruch, sondern als Ergebnis eines langen historischen Prozesses.
Methodisch zeichnet sich Westmans Werk durch eine außergewöhnlich breite Quellenbasis aus. Er untersucht nicht nur die bekannten Schriften von Copernicus, sondern wertet Universitätsakten, Vorlesungsmanuskripte, Briefe, astrologische Almanache, Prognostiken, Kalender, Drucke, Handschriften und mathematische Tabellen aus. Dadurch gelingt es ihm, das intellektuelle Umfeld der Renaissance äußerst detailliert zu rekonstruieren. Seine Argumentation beruht nicht auf einer einzelnen spektakulären Quelle, sondern auf der Zusammenschau zahlreicher Dokumente, die gemeinsam ein neues Bild der Wissenschaftsgeschichte ergeben.
Die wichtigste Innovation des Buches besteht darin, die Astrologie nicht als irrationales Randphänomen abzutun, sondern als ernst zu nehmenden Bestandteil der damaligen Wissenschaft zu verstehen. Westman fordert Historiker dazu auf, die Vergangenheit nicht mit modernen Maßstäben zu beurteilen. Für einen Gelehrten des 16. Jahrhunderts war es völlig selbstverständlich, Astronomie und Astrologie gemeinsam zu betreiben. Erst die Entwicklungen der Aufklärung führten zu einer scharfen Trennung beider Disziplinen. Wer verstehen möchte, weshalb Copernicus seine Theorie entwickelte, müsse daher auch die Bedeutung astrologischer Prognosen ernst nehmen.
Westmans Interpretation hat die Forschung nachhaltig beeinflusst, ist jedoch nicht unumstritten. Einige Historiker halten seine Betonung der Astrologie für übertrieben und verweisen stärker auf mathematische oder philosophische Motive. Andere sehen den Einfluss des Neuplatonismus oder die Suche nach ästhetischer Harmonie als entscheidender an. Wieder andere vertreten eine Mehrfaktoren-Erklärung, nach der mathematische Probleme, philosophische Überzeugungen, religiöse Fragen, institutionelle Entwicklungen und astrologische Praxis gemeinsam zur Entstehung des heliozentrischen Weltbildes beitrugen. Dennoch besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass Westman den Blick auf die praktische Funktion der Astronomie grundlegend erweitert hat.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass The Copernican Question nicht lediglich eine Biographie von Copernicus oder eine Geschichte des Heliozentrismus ist. Vielmehr handelt es sich um eine umfassende Untersuchung der wissenschaftlichen Kultur Europas an der Schwelle zur Neuzeit. Westman zeigt, dass wissenschaftliche Revolutionen nicht allein durch geniale Einzelpersonen entstehen, sondern aus einem komplexen Zusammenspiel gesellschaftlicher Bedürfnisse, institutioneller Strukturen, intellektueller Debatten und praktischer Probleme hervorgehen. Die Krise der astronomischen Berechnungen, das schwindende Vertrauen in astrologische Prognosen, die Suche nach einer geordneten Struktur des Himmels sowie der Wunsch nach zuverlässigeren mathematischen Grundlagen bildeten gemeinsam den historischen Kontext, in dem Copernicus seine Theorie entwickelte. Gerade diese Verbindung von Wissenschafts-, Kultur-, Sozial- und Ideengeschichte macht Westmans Werk zu einem der einflussreichsten Beiträge der modernen Copernicus-Forschung.
