1st Astra Project Workshop – 06 Prof. Dr. Stephan Heilen –
https://www.youtube.com/watch?v=SB7AoDw4Fk0&list=PLlx8qA3u_BLF2UcnF4zrftZgIrxbA8P-N&index=8 – https://talk.vonabisw.de/Steven/Steven7.mp4
Michael Polanyi’s concept of “tacit knowing” – its relevance to the practice and study of astrology
Filmliste 1st Astra Project Workshop – https://www.youtube.com/playlist?list=PLlx8qA3u_BLF2UcnF4zrftZgIrxbA8P-N
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Personales Wissen – Auf dem Weg zu einer postkritischen Philosophie (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)

Michael Polanyis Konzept des „tacit knowing“ (stillschweigenden oder impliziten Wissens) bietet einen besonders interessanten Zugang zum Verständnis astrologischer Praxis. Polanyi vertrat die Auffassung, dass Menschen stets mehr wissen, als sie ausdrücklich formulieren können. Ein großer Teil unseres Wissens besteht nicht aus klar benennbaren Regeln oder Fakten, sondern aus Erfahrungswissen, Intuition, Mustererkennung und verkörperter Kompetenz. Dieses Wissen zeigt sich etwa bei erfahrenen Ärzten, Künstlern oder Handwerkern, die oft richtige Urteile fällen können, ohne jeden einzelnen Schritt ihres Denkprozesses vollständig erklären zu können.
Auf die Astrologie angewendet bedeutet dies, dass die Arbeit erfahrener Astrologinnen und Astrologen nicht allein auf dem mechanischen Anwenden von Lehrbuchregeln beruht. Zwar lernen sie zunächst die expliziten Bestandteile ihres Fachs – Planeten, Zeichen, Häuser, Aspekte und traditionelle Deutungsregeln –, doch mit zunehmender Erfahrung entwickelt sich eine Fähigkeit, komplexe Horoskope als sinnvolle Ganzheiten wahrzunehmen. Während Anfänger häufig einzelne Faktoren isoliert betrachten, erkennen erfahrene Praktiker Zusammenhänge, Spannungen und thematische Schwerpunkte oft unmittelbar. Sie integrieren zahlreiche Einzelinformationen zu einem Gesamtbild, ohne immer genau benennen zu können, wie sie zu ihrer Einschätzung gelangt sind.
Polanyi beschreibt diesen Vorgang als die Integration vieler „subsidiärer“ Hinweise in eine „fokale“ Wahrnehmung. Im astrologischen Kontext wären die einzelnen Planetenkonstellationen, Aspekte und Symbolbezüge die subsidiären Elemente, von denen aus der Astrologe auf die Gesamtstruktur des Horoskops blickt. Das eigentliche Verstehen richtet sich nicht auf die Einzelteile, sondern auf die Bedeutung, die aus ihrem Zusammenspiel entsteht. Ähnlich wie ein Musiker nicht einzelne Noten, sondern musikalische Gestalten wahrnimmt, entwickelt der Astrologe ein Gespür für charakteristische Muster und symbolische Konfigurationen.
Besonders aufschlussreich ist Polanyis Ansatz für das Verständnis astrologischer Intuition. Viele Astrologen berichten, dass sie bestimmte Themen oder Dynamiken eines Horoskops „spüren“, bevor sie diese analytisch begründen können. Aus Polanyis Sicht wäre dies kein mystischer Vorgang, sondern das Ergebnis einer langjährigen Verinnerlichung von Wissen und Erfahrung. Die Intuition entsteht dadurch, dass das Bewusstsein unzählige symbolische Hinweise unbewusst verarbeitet und zu einer kohärenten Deutung zusammenführt. Was als intuitiver Einfall erscheint, beruht demnach auf einem umfangreichen Reservoir impliziten Wissens.
Darüber hinaus lässt sich Astrologie aus polanyianischer Perspektive als eine Traditions- und Praxisgemeinschaft verstehen, in der Wissen nicht ausschließlich durch Bücher vermittelt wird. Ein erheblicher Teil astrologischer Kompetenz entsteht durch Fallstudien, Diskussionen mit Lehrern, die Betrachtung vieler Horoskope und die allmähliche Ausbildung eines interpretativen Urteilsvermögens. Dieses Wissen ähnelt dem Können eines erfahrenen Therapeuten oder Kunstkenners: Es beruht auf einer Sensibilität für Bedeutungen, die sich nicht vollständig in Regeln übersetzen lässt.
Gleichzeitig ist zu betonen, dass Polanyis Theorie die wissenschaftliche Gültigkeit astrologischer Aussagen weder beweist noch widerlegt. Sein Konzept erklärt, wie astrologische Expertise erlebt und ausgeübt wird, nicht jedoch, ob astrologische Annahmen objektiv zutreffen. Die Bedeutung seines Ansatzes liegt daher vor allem darin, Astrologie als eine Form symbolischer und interpretativer Praxis verständlich zu machen. Aus dieser Sicht erscheint astrologisches Deuten weniger als die Anwendung eines festen Regelwerks und mehr als ein Prozess der Sinnbildung, bei dem implizites Wissen, Erfahrung und die Wahrnehmung komplexer Muster eine zentrale Rolle spielen.
Implizites Wissen – Übersetzt von Horst Brühmann (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)

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